Jon Richter

Hunger. Macht. Angst.

Wednesday, January 11, 2017
Beschreibung emotional-philosophisch-wirtschaftlicher Verwicklungen des Jahres 2016.

Karolinenhof am 23. und 24. Januar 2016
Irùn - Lisboa in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli 2016
Im Züttel zu Witzenhausen, 10., 11. und 12. Januar 2017
Jon Richter


circus homo novus 🜺 almereyda ⚝ There's No Rest For The Wicked ☭

Hunger. Macht. Angst.

Das vorliegende Manuskript zeichnet einen ideosynkratischen, auf Selbstverifikation ausgelegten, überblicksartigen Ausschnitt von mich gegenwärtig vermehrt ins schweigende Nachdenken führenden Sprachbildern. Es folgt einer politisch und philosophisch motivierten Begründungsweise.

Diese äußert sich als gewaltfreier, persönlicher Raum, den ich publizistisch in Anspruch nehme und gegebenenfalls zur Verfügung stelle. Nebenbei lässt es ein kritischer, öffentlicher Diskurs notwendig erscheinen bisweilen diese von Einsiedelei inspirierten Stimmungen zu verlautbaren. Nach unfreiwilliger Studienbeendigung, durch wiederholte monetäre Instabilität, sieht der Autor einer Anpassung seines Arbeitskraftangebots auf dem freien Konkurrenzmarkt entgegen. Eine Zwischenbilanz im Kräftefeld von Bildung, Nutzwertsystemen und gegenseitiger Fürsorge.

In loser Fortsetzung von:

  1. Experimentcity, für zivile Mitgestaltung des öffentlichen Raumes
  2. Public Space Invaders, für temporäre Aneignung des öffentlichen Raumes
  3. Onlinepräsenz, für informationshoheitliche Selbstbestimmung in informellen Wissensverteilungsinfrastrukturen

Für die kommende Erzählung mögen jene (präpositional) gegebenen Erfahrungskontexte Validität bezeugen, inmitten derer ich mich beständig vom intellektuellen wie pragmatischen Reifizieren des institutionellen Kanons (der Akademie, der Industrie, der Staatengebilde) verabschiedete und, auch aus naiver Unachtsamkeit ob möglicher Folgen, konstant der Zivilgesellschaft zuwandte: die kommerzielle Arbeit mit Kleinunternehmensnetzwerken und Stiftungen, teilentlohntes Ehrenamt in Vereinen sowie emanzipatorische Aneignungen in (selbst)organisierten akademischen und soziokulturellen Initiativen. Gegenwärtig umfasst dies die TransforMap Initiative, in Zusammenarbeit mit den Vereinen Ecobytes und Get Active in exekutiven Rollen, und die im Hypertext von https://almereyda.de verlinkten Aktivitäten.

Das vorliegende (diagrammatisch—schriftbildliche) Zeichensystem modelliert sich nötigenfalls anhand klassischer Formen mathematisch-logischer, philosophischer Beweise, ausgestattet mit einer sachten Prise dramaturgischer Narration. Zur sanfteren Lenkung der Textrezeption, in Vermittlung von Leserinnen- und Autorenschaft, führen wir hinreichende Verständnisplateaus ‒ eine Lesart in Form von Schritten, Akten, Kapiteln anbietend ‒ in folgender Reihe auf:

  • hypothese gesucht
    Thesis Satz
  • präposition gegeben
    Hunger. Argument
  • antithese lösung
    Macht. Vollziehung
  • synthese ergebnis(se)
    Angst. Verkörperung
  • extrahiertes ungesagtes
    Nachlese Ausblendungen

Um korrigierende Hinweise, im Besonderen zur Argumentationsweise, wird gebeten.

Die diesen Beobachtungen zugehörige wirtschaftliche Betrachtung wird im Verlauf weiterer Texte beleuchtet. Hier alsdann beschränkt auf das persönliche Erfahrungsgefüge des Autors.

Thesis

Unter der Sonne soweit leider nichts Neues. Wir, geneigte Leserin, wiederholen hier nur eine Auswahl alter Fragestellungen und vergegenwärtigen sie uns schlicht in ihrer historischen Reichweite bis in unsere kausal verwobenen Zukünfte hinein.

Zur vertiefenden Eröffnung eines randständigen Kontextes sei das Studium der folgenden Verweise anempfohlen:

  1. Careing Economies
  2. Wirtschaft ist Care: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen
  3. ‘So many people spend their working lives doing jobs they think are unnecessary’

Es sei uns erlaubt die Dinge etwas abkürzen und, damit hieraus keine Doktorarbeit wird, uns zunächst am Nachhaltigkeitsdreieick, an vergleichbaren Sozialkapitalkonstruktionen sowie an einer auf Gerechtigkeit ausgerichteten, mildtätigen Fürsorge zu orientieren. Durch Triangulation derer Begriffsräume lässt sich das Themenfeld auf wenige Überschneidungen eingrenzen. Demnach umschlösse die beschreibende Ökosystemlehre, in Harmonie mit lebenserhaltendem Haushalten und dem diffundierenden sozialen Feld, einen Bereich der zwischenmenschlichen Fürsorge, einer manigfaltigen Zone intimer Interaktion.

Das Wirken der Gesamtheit dieser Mikrointeraktionen wird mit dem Begriff der Ökologie umrissen Quelle. Als Deskriptor für einen systematischen Ansatz, auch politischer Natur, möge er für uns genügen. Es sei jedoch der Unvollständigkeitssatz in Anwendung auf Erkenntnisfähigkeitserwartungen in Erinnerung gerufen.

Glücklicherweise rekonstruiert eine Lehre der Bedürftigkeit Formen integrativer Wertesysteme, welche solcherart Leerstellen beanspruchen. Die Rede ist von den sogenannten Care-Ökonomien, bislang nur ungenügend als Fürsorge, Pflege oder Wartung, aber auch Sich-Kümmern ins Deutsche zu übersetzen. Sie setzen gegenstrebige Fügungen als Vertrauensbasis von externalisierbaren Werten und formulieren damit auch die körperhaften physischen Abhängigkeiten, von denen sich der Mensch (besser) die Menschheit zur Erhaltung der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden (Zitat nach Hans Jonas) herausgefordert sieht.

Womit wir schließlich auch beim Problemkind der Stunde wären, einem hegemonialen Ökonomieverständnis, dessen Alternativen (siehe die inhärente Problematik des Begriffs, ähnlich den Debatten im Felde Degrowth) allerorten experimentell ausgeküngelt, auch auf Grund systemimmanenter Anpassungsvorgänge, aber allzu häufig oktroyiert werden. Wieder stark verkürzt und im Besonderen einer bürgerschaftlich getragenen, politischen Sichtweise geschuldet, ließe sich die allgegenwärtige Krise wohl geflissentlich als Kontrollverlust bezeichnen.

Stellt sich nur die Frage, wie ein langfristiger Ausgleich monetärisierter Sozialität im Feld der gegebenen praxis(ideo)logischen Normativität als gegenstrebige Fügungen externalisierter Werte gestaltet werden kann. In Folge ließe sich gar auf das Werkzeug der reziproken Quantifizierung gänzlich verzichten und die zwischenmenschliche Bedürftigkeit - ach, so vieler - anders vermitteln.

Gelänge dies nicht, führten entgegen der Hoffnung auf ein baldiges Ende des weltweiten Hungers die Reibungen dieses Planetens recht offenkundig vermehrt in Abschottung, Zwietracht und Aberglaube. Es ließe sich begründet aussagen: Hunger macht Angst. Inwiefern sei fortfolgend zu klären.

Hunger.

~ Wie sich das Genannte darstellt. ~

Hintergrundartikel zum eingehenderen Verständnis

  1. neccessary adaptation to reinforce the commoning process
  2. undernurished programmers running wild*
  3. TransforMap : a commoning economics community & A brief history of Linked Open Data and the Federated Social Web

Warum vermag es so sehr irritieren die gegebenen Präpositionen an zweiter Stelle, und nicht als erste, auszuformulieren? Doch wären eben jene erst in diesem Suchraum aufzufinden, dessen Umfang oben zunächst eingegrenzt wurde. Diese Erinnerungsstütze eingedenk, stellen sich demnach immer wieder die gleichen Fragen: Wie ist eine verteilend wirkende Aufmerksamkeitsökonomie im kognitiven Kapitalismus überhaupt möglich? Und damit wie gewohnt Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeiten ebenso.

Von Seiten der Institutionen, wie beispielsweise des Joint Research Centre der Europäischen Kommission, den Wirtschafts- wie auch Naturwissenschaften, sowie der selbstschwärmerischen Graswurzelbewegungen vernehmen wir ein beständig lauter werdendes Rufen nach (1) Neuformulierung (des Gekannten), (2) Widerstand (dem Inhumanistischen) und (3) Entlernen (der Prägungsmuster). Die temporale Dimension mehrerer Jahrtausende alter gesamtgesellschaftlicher Gespräche wird zudem auf einer global integrierten und lokal implementierten Skala häufig außer Acht gelassen. TransforMap ist ein erster Schritt dahin zumindest den assoziierten Anteil der geographischen Komponente dieser raumzeitlichen Vorgänge gefasst zu bekommen.

Nachlässigerweise habe ich während der letzten Dekade eine bewusste Präkarisierung in Kauf genommen, anstatt mich vom Markte mit den mir zur Bearbeitung dieser Fragen zuträglichen Rohstoffen versorgen zu lassen. Dies geht einher mit einer beinahe schon beängstigenden Autonomie, welche nur allzu gerne in Form von Schuldtiteln und rechtlichen Bescheiden ähnlich beängstigend zurückschwingt. Nicht ohne zu erwähnen, dass diese ironischerweise mit der nötigen Finanzstärke aus der Welt zu schaffen wären.
Ist es doch etwas paradox: sich selbst und bewusst für unwirtschaftliche Entscheidungen zu entscheiden, qua eine Finanzschwäche zu entwickeln, um zwingendermaßen dazu angehalten zu sein angewandtes gemeinsames Wirtschaften in der persönlichen Mikroskala zu üben. Wer dies für snobistischen Elitarismus hält und darin eine unüberwindliche Arroganz liest, dem möchte ich eine alternative Lesart vorschlagen, die einer kognitiv erhaltsamen Naivität. Sie könne sich bei entschiedener Umbetrachtung der Texte zeigen.

Solcher Art Bedürfnisse zeigen sich im wahrgenommenen Mangel. Als Mangel an Nahrung, gesicherter Unterkunft oder, universeller, Geld - und damit in liberaler Manier verbundener basaler Erfahrungsräume, wie beispielhaft: kulturelle Teilhabe, öffentlicher Personennahverkehr, Nahrungs- und Kleidungsversorgung oder schlicht zur Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen. Das Stigma des Geldmangels kennen vielleicht nur jene, die es erfahren haben. Es ist nicht so unverwandt mit der Pein des Schmerzes, den dich der Hunger des nachts wachen lässt.

Zurück zum (3) Entlernen.

Das vorausgesetzt bleiben die Leistungsfähigkeitserwartungen der mitmenschlichen Umwelt leider unverändert. Resultierende Kognitionseinschränkungen (und andere) werden als (geistige) Schwäche gebrandmarkt, erkennen dabei aber nicht an, dass die Leistung sich einer kulturell reproduzierten Prägung zu entledigen einen ganz eigenen Energieaufwand bedeutet. Was in Angesicht des allgegenwärtigen Überflusses vermeintlich kritischer Gesellschaftspraxis zu einer wahrnehmbaren Doppelmoral ehrenamtlichen Engagements führt:

Beute dich für uns aus, aber nur solange, bis du uns nicht zu sehr mit deiner Sozialromantik auf die Nerven gehst. Auch verkaufen wir die Sprache unserer Ideale wie alle anderen auch, warum sollten wir gerade ihr den Vortritt lassen?

À propos (2) Widerstand.

Sich dagegen zu wehren versteht sich in Folge einer dem Verantwortungsdiskurs (... Permanenz echten menschlichen Lebens ...) behafteten moralischen Strategie, tragen wir doch selbst die Verantwortung für die Durchsetzung ethischer Standards. Aber wie, wenn ganze Bevölkerungen unter ähnlichem Aufmerksamkeits- und Selbstverifikationsdruck stehen? Ein Beitrag ist intuitiv auf Seiten der Infrastrukturen zu suchen, denn sie unterstützen durch ausgeklügelte Verteilung unsichtbar und unter ständiger Pflege das soziale Filament.

In einer Dienstleistungsindustrie unter der Rige sozialer Marktwirtschaft bedeutet dies, dass ausgerechnet jene basalen gesellschaftlichen Funktionen von einem regiden Nummerndiktat operiert werden, welche weiträumig Frieden stiften. Ihr Einflussbereich erstreckt sich von der Verfügbarkeit von Transportwegen und Verkehrsmitteln über Nahrungsmittelbereitstellung, Kommunikationsdienste oder schlicht Straßenreinigung bis hin zu betreutem Wohnen oder Jugendklubs, alle von schwindender Vielfalt bedroht. Unter ihnen viele welche beständig aus gesellschaftlich getragener Obhut in den freien Markt überführt wurden.

Weshalb es umso wichtiger ist kleinteilige Institutionen aufzubauen, die einen bestimmten Teil dieser sozialen Grundversorgung übernehmen können. Für die solche Unternehmungen tragenden Individualisierten bietet sich ob der gegenwärtig damit verbundenen Präkarität, auch aus Mangel an passenden Rechtsformen, oft nur die Flucht nach vorn in beständige Alarmbereitschaft, Produktivitätszwang und Nachtarbeit.

Diese Zerwürfnisse zu glätten angetreten sind die alternativen Ökonomien, oder besser nicht-kapitalisitischen Arbeitsweisen. Im Spielfeld postfordistischer Wirtschaftskritik mit einem Hauch Direkter Aktion angesiedelt, eröffnen sie beständig neue Narrationsräume freiheitlicher Gestaltung des Miteinanders.

Zur (1) Neuformulierung.

Die Übung Bekanntes in neue Formen zu überführen, dabei aus den Fehlern kulturellen Schätzen vorausgegangener Generationen zu schöpfen, lässt sich auch als Anpassung bezeichnen. Überraschende Einfälle und ein Gespür für die Bedürfnisse anderer Menschen, ganzer Populationen, welches sich nicht an völkischen und dergleichen Schranken aufhält, werden vonnöten sein, wenn sich ganze gesellschaftliche Klassen darin versuchen neuerdings auf der gleichen Augenhöhe ins Gespräch zu kommen.

Vergessen wir nicht die haarscharfen Werkzeuge der Hypothesenstellung und Empirie, die wir gegen Hypokratie und geopolitische Separierung ins Spiel bringen. Gegeben einer Lehre der Dekonstruktion schließt sich stets auch eine Rekonstruktion (der Splitter) an die Analyse an. Mit welcher Sorgfalt wir es uns erlauben die Fragmente zu begutachten und zyklischerweise gezielt ihre Granularität zu variieren entscheidet mithin über die Rechtschaffenheit des gesamten Unterfangens. Die Rede ist von verifizierbaren gesamtgesellschaftlichen Sprachspielen.

Macht.

~ Was drumherum geschieht. ~

Wie der Leserin mittlerweile schon gewohnt, einige Fluchtlinks:

  1. TRANSIT - transformative social innovation theory : WP3 deliverable D3.2 –“A first prototype of TSI theory” - 7.6 Power and Multi-Actor Perspective - Dualities of Power.pdf)
  2. Weaponize slowness
  3. Laboria Cuboniks : Xenofeminismus - Eine Politik für die Entfremdung

Zur legitimierten Ausübung vergemeinschafteter, öffentlicher Aufgaben bemächtigt sich das sprachbegabte Tier dem Erkennen des Autors nach einer Form der Überlieferung kultureller Praxen in Prozessen von Institutionalisierungen. Die Organisationsformen und Werkzeuge zur Bewerkstelligung dieser basieren historisch auf den Prinzipien der Gewaltenteilung, einhergehend mit Rechtsstaatlichkeit (Rule of Law), Gerichtsbarkeit, dem Gewaltmonopol und öffentlicher Verwaltung. Verfügbare Rohstoffe und Infrastrukturen werden anhand des Prinzips der Arbeitsteilung im Sinne einer vorausgesetzten Marktlogik zur Wahrung sozialer und ökonomischer Ordnung eingesetzt.

Dass sich die Katze hierbei in den Schwanz beißt, ist nicht unbedingt offensichtlich. Eine kritische Gesellschaftswissenschaft lehrt uns stets genau hinzusehen. In diesem einfachen Fall löst sich der Widerspruch mit einem Blick auf die Vorbedingungen recht bald auf: Die stillschweigende Übereinkunft, dass ein freier Markt über freiwillige Regulierung von Angebot und Nachfrage die Tauschwerte stabilisiert, ist ein Zirkelschluss in welchem das Bedürfnis nach Wirtschaften unerläutert vorausgesetzt wird, wohingegen letztere weniger als Zweck denn als Mittel zu verstehen wären.
Wenn reproduktive Arbeit bereits ohne explizite Organisationsform implizit die Hälfte des gesamten Wirtschaftstreibens auf diesem Planeten ausmacht und die "männliche", kommerzielle Hälfte erst ermöglicht, kann die Gesamtheit beider so schwer nicht zu sanieren sein.

We are smart enough to break it, so we are smart enough to fix it.
T.J., Allereck/Neukölln, 06.01.2016, 02:17

Leider lässt sich den Diskussionen (in der Öffentlichkeit) über Nachhaltigkeit im allgemeinen, sowie (unter Spezialist.inn.en) über ökosoziale Langlebigkeit im speziellen, schwer entnehmen, wie diese ihre eignen Grundannahmen beständig hinterfragen und stets neu deuten. Ist es doch häufig ein streng gerichtetes Verständnis von Kausalität, welches Debatten ob angenommener Einfachheit in vermeintlich leicht verdauliche Formen presst.

Diese Passformen gelten denn auch schnell als Prototypen für explizite Hierarchien in sozialen Gefügen, da andere Sichtweisen überhaupt gar nicht erst den Diskurs erreichen und bereits vor breiter Diskussion herausgeschrieben werden. Ähnlich fatal verhält es sich auch mit impliziten Hierarchien, welche, oft aus Not und Improvisation geboren, schnell normativen Charakter entwickeln und Hürden für Beteiligung darstellen, gerade weil sie oftmals undokumentiert und informell bleiben.

Soweit die Theorie.

Dabei verwechseln wir gerne flache Organisationsstrukturen mit informellen Praktiken, da beiden eine verführerische Aura anhaftet, welche die Unterschiede schnell vergessen lässt. Sich vorzustellen, dass flache, hierarchiefreie Diskussionsräume möglichst ein Gespräch auf Augenhöhe vorsehen, wohingegen eine informell gewachsene Praxis eben auch die Zentralisierung von Macht, Entscheidungsbefugnissen und Informationsvorsprung und -hoheit bedeuten kann, sollte die Sache hilfreich genug kontrastieren.

Lasst uns dabei nicht vergessen, welchen Unterfangen wir uns mit kollektiver Wissensarbeit stellen: Es ist nicht einfach eine aesthetische Übung, die politischen Erzählungen verschiedenster Akteursgruppen und ganzer gesellschaftlicher Kohorten miteinander abzuwägen. Es geht schlicht um den Zusammenhalt und die Zukunftsfähigkeit des menschlichen Projektes auf diesem Planeten. Was unreflektierte Privilegien - eben jene Machtgefüge, die mensch nicht spürt - und daraus unausgesprochene Erwartungen zu gefährlichen Projektilen in einem nicht physisch zu lokalisierenden Diskussionsraum werden lässt.

Sind es doch unsere Werte, welche sich in beständigen Flüssen von Angebot und Nachfrage neu kombinieren und stabilisieren. Was bliebe uns anderes übrig als mit gutem Beispiel voranzugehen, statt ermahnender Worte Spielball zu werden? Auch sieht es mitnichten danach aus, als könnten wir die einfache Frage nach richtig und falsch beizeiten ablegen, wirkt doch ihre inhärente Logik weit in unsere kulturellen Geschichten hinein. Wesentlich interessanter als das Negieren und Ausmerzen vermeintlicher Fehlschlüsse wäre doch die Neuformulierung der Frage und aneignend-ersetzende Inanspruchnahme ihrer Geltungsbereiche.
Wie würde sich denn eine trinäre, oder gerne auch höher-dimensionale, Ausformulierung, anders als mit der bekannten zweifach diskreten Skala, auf die Stellung und das Verständnis der Frage nach Verifikation auswirken?

Ein Beispiel aus eigener Erfahrung.

Da mein obiges Verständnis von Macht schaffenden Bedingungen bei unwohlwollendem Lesen nicht konkret genug erscheinen kann, möchte ich ein Beispiel lancieren, welches der vergangenen winterlichen Depression, welche verstehen zu lernen dieser Text zur Aufgabe hat, keine Besänftigung bedeutete. Ich werde dabei so einfache und alltägliche Themen wie Ernährung, Räumlichkeit und gesellschaftliche Teilhabe ansprechen.

Ihr dürft euch dabei vorstellen, dass um mich herum eine Millionenstadt wuselte und zum Zeitpunkt der ersten Formulierungen dieses Textes die ärgsten Konflikte im gegenwärtigen Projektteam noch ausstanden. Namentlich wären dies später andernorts zu untersuchende Verfahrensweisen und die in Fortfolge andauernden epistemischen Missverständnisses. Von nachvollziehbaren, dokumentierten Organisations- und mitmenschlichen Kommunikationsweisen zunächst ganz zu schweigen.

So stellte es sich mir Anfang des Jahres 2016 dar, dass zwar Erwartungen hinsichtlich von Leistungserfüllung und Produktionskooperation bestanden, eine sich erst langsam abzeichnende Projektsteuerung jedoch die vorhandenen Mittel nicht in ausreichendem, trotz mündlich vor Mithörern besprochenem, Umfang zur Verfügung stellen konnte, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Was folgten waren Kontopfändung, drohende Mietkündigung und ob permanenter Angewiesenheit angespannte Freundschaftsbeziehungen.

Konkret hießen diese Entbehrungen stark eingeschränkte oder keine öffentlichen Infrastrukturen nutzen zu können, deren Nutzungsrechte per monetärem Austausch gebilligt werden:

  • Verkehr (Distanzen, Vehikel),
  • Mobiltelefon (aktiv + passiv),
  • Mobilinternet,
  • Nahrungsversorgung.

So entschwanden denn auch die letzten verbliebenen Sozialisierungsformen aus meinem Reportoire, da die räumliche Entfernung zu Orten alternativer Wirtschaftsweisen und Kulturen dank Hunger und Verzweiflung unüberbrückbar wurde. Auch verstand ich nicht, wie es im Ehrenamt wiederholt zu unidirektionalen Werteflüssen hin zu einem Gemeinakteur kommen kann, ohne dass dieser die Tragfähigkeit seiner ihn ausmachenden Beziehungen regelmäßig überprüft.

Asymmetrische Vergemeinschaftung würde ich diesen Prozess nennen, die Einhegung privater Produktionskapazitäten gerade durch einen gemeinnützigen Körper, der von diesen in Form von Ereignissen, Produkten und damit verbundener Anerkennung profitiert, aber keine Verantwortung trägt. Somit führt gemeinnütziges Engagement nur zu einer verschleppten Befreiung der Teilhaber, nützt es doch eher den in Rechenschaft stehenden, zu entlastenden Vorständen, als jenen das Ehrenamt ausfüllenden Individuen, noch im fatalsten Falle der Allgemeinheit.

Ein vielleicht gar nicht ganz so seltener Fundort solcherlei Gefüge wären demnach auch Vereine. Zum einen verteilen sie die Verantwortung, und damit Entscheidungsgewalt, auf im gemeinnützigen Rahmen handelnde Akteure, aber erlauben sich - frei nach Do'o'cracy - den Witterungen informeller Herrschaftshierarchien hinzugeben und damit dann eben doch auch die Mitglieder- und Mitarbeiterbasis zu entmündigen. Trotz aller Anpassungen der Arbeitsmärkte der vergangenen Jahrzehnte seien über einhundert Jahre Arbeiterbewegung nicht einfach vergessen. Die Frage lautet in diesem Fall: Was macht das mit einem?

Mir ist schon klar, dass im Rahmen eines gesellschaftlichen Wandels bestimmte rechtliche Grauzonen betreten werden, weil Über- oder Unterregulierung keinen Raum für neue stabile Formen des Gemeinwesens lassen. In der Informationstechnik kennen wir die Muster von graceful degradation (gnädiges Abbauen) und progressive enhancement (schrittweises Verbessern), welche einen Weg aufzeigen, wie von älteren Infrastrukturen sanft auf neuere Umgemünzt werden kann, eben in kleinen Schritten.

Ebenso verhielte es sich in der besten aller Welten auch mit den (durch eine Rule of Law zu stützenden?) Formen des Gemeineigentums. Doch ich hoffe mit der Implementierung sind andere schlaue Köpfe aus dem transformaps Pluriversum beschäftigt. Mir am Herzen liegt eine weitreichende Allmendisierung der Produktionsmittel, welche dergleichen Unterscheidungen nicht benötigt: Was bereits der Öffentlichkeit gehört und von ihr, unter die Existenz des Gemeinguts sichernden Bedingungen, genutzt werden kann, lässt sich ihr zur Privatisierung nur mit erheblichem Gewalt-, Resourcen- oder Argumentationsaufwand entreißen.

Angst.

~ Weshalb das ganz konkret Durcheinander bedeutet. ~

Hintergrundartikel für diesen Abschnitt:

  1. Everyone I know is brokenhearted.
  2. Programming Sucks
  3. Are You More Than Okay

Die Erinnerung versiegt nicht. Ein Bild, mehr ein Gewühl verbleibt in den Gedärmen, welches der Situation ein moralisches Unrecht attestiert. In diesem offenen Widerspruch befindest du dich, bis du es ansprechen und vergeben kannst. Ist dir aber die Möglichkeit genommen darauf öffentlich hinzuweisen, Mitwisser zu schaffen und gar dezent Möglichkeiten zur Solidarisierung aufzuzeigen, wirst du es weiter mit deiner Vorstellungskraft zu tun bekommen.

Aber auf das Bauchgefühl kannst du dich nicht verlassen, denn es kneift schon schämend vor sich hin, sich dessen gewiss, dass die eigene Leidlichkeit immer auch im eigenen Handeln wurzelt. Wohin denn mit den vielen kleinen Fragen, wenn die Aufmerksamkeit im öffentlichen Gespräch gerne auf weniger pieksende Momente verlagert wird?

Denn wenn Kritik auf Ausweichen statt Durcharbeiten trifft, ist etwas im Busch. In den Vereinen des Zivilen kommen wir daher gerne zusammen, um die analytische Paralyse zu überwinden und im Ehrenamt gemeinsam evidente Formen von auseinander strebenden gesellschaftlichen Gefügen zu bekämpfen. Leider sind den kreativen Ausdrucksformen dieses Gestaltungswillens enge Grenzen gesetzt, wenn wir die Kraft der Kritik bereits im wechselseitigen Miteinander verpulvern.

Dass es nicht unbedingt leichter ist diesen traurigen Zuständen entgegenzuwirken, wenn sich prekärste Umstände dazugesellen, mag vielleicht noch einleuchten. Ist die wirtschafltiche Lage jedoch durch kollektives Wirtschaften gemeinverschuldet, entbehrt die Situation keiner zusätzlichen Absurdität. Der Klügere gibt nach, und hat damit aufgegeben.


Durchatmen, von vorne beginnen. Aber stattdessen: Paralyse, Analyse und ein beständiges Hinterfragen der eigenen Erkenntnisfähigkeit. Passiert das wirklich, ist das überhaupt möglich? Der Puls schlägt und die Wölfe lassen nicht von dir ab. Der Atem verflacht, die Brust hebt sich nurmehr in minderem Unwillen. Schnappen nach einem fliehenden Sinne; wo letztlich keiner weilt. Nach Jahren des Experimentierens und Nischensuchens, immer noch diese Angst vor der finanziellen Unwürdigkeit.

In all der Panik verschwindet jedwede Positivität, das Lachen fehlt und verkommt zu einem kehligen Krächzen. Schönheit kommt abhanden und Erinnerungen vergangener, umgesetzer Möglichkeiten verdunsten wie ihre begrenzten Wirkungen im Strom der Zeiten. Währenddessen wünscht sich der kreative Geist Ausdruck und Empfinden, zerprallt aber an den gegebenen Bedingungen.

In derart angespannten Situationen verfallen wir denn auch gerne zurück in jene Individualismen, welche trotz aller postpatriarchalen Gesellschaftskritik beanspruchen unsere Grundmuster auszumachen und ihre imaginäre Vermeintlichkeit als naturalistische Notwendigkeit ausgeben. Dem Altruismus könne demnach kein Raum gelassen werden, gerade weil wir zunächst durch persönliche Verantwortung an unser eigenes Handeln gebunden wären.

Wenn sich der freie Wille aber in der Fähigkeit äußert nach Gründen zu handeln, dann werden nicht nur das Verständnis von Kausalität, sondern implizit auch die Anforderungen an den Darlegungsapparat gestutzt. Die trotzige Beschränkung des Willens ist eben keine schlichte Folge von Unausweichlichkeiten, sondern durch teilbewusste Eingrenzung des Möglichkeitsraumes entstanden. Die Wahl dieser Gründe, dieser Eingrenzungen steht demzufolge tatsächlich zur Debatte!

Synthetische Arten der Verantwortungsverteilung, welche die Rolle von Fehlern anerkennen und sie klug einzusetzen wissen, können das Gespräch über die Aushandlung dieser Räume eröffnen, dürfen sich jedoch nicht auf Nebenschauplätze verlagern lassen. Entgegen dem partizipatorischen Ideal stellt sich die Empfindsamkeit der nicht-lauten, leisen, stillen Menschen nicht als hilfreiche Waffe im Kampf gegen Unterdrückung heraus, da sie die für Feinheiten jeglicher Art geübte Auffassungsgabe auch sehr schnell im Erkennen von Verletzungen zeigt.

Empfindsame, mitfühlende Menschen kennen Formen von Ruhe und Pflege, die den stets beschäftigten auf immer vorenthalten scheinen. Die aus Kontemplation erwachsende Langsamkeit beinhaltet bereits die Offenheit für Ungewöhnliches. Ist der Möglichkeitsraum jedoch gestört und erreicht nicht von selbst wieder einen metastabilen Zustand, wirkt die Irritation fort. Die Formen der Abwehr verändern sich und werden subversiver, bisweilen fahrlässig. Das Sich-Behaupten wird zum (vermeintlich) evolutiven Reflex und Selbstgefälligkeit unterstreicht nur bestehende Missverständnisse, anstatt sie mediativ aufzulösen.

Zweifeln wir an der soziale Integration, zersetzt sich die soziale Integrität von alleine. Vorstellungen von Inklusion und einer adaptiven Variabilität werden in die Domäne der Literatur entlassen, welcher die Schnittmenge mit Wirklichkeiten verwehrt wird. Die gemeinsame Kommunikationsarbeit erstreckt sich jedoch nicht nur auf die faktische Schaffung materieller und immaterieller Artefakte wie Infrastrukturen. Es sind die Sprechakte, welchen wir die größte Sorgfalt entgegen zu bringen gedenken.

Das Missverständnis der Agilität wäre wohl ein anything goes ohne beschränkende Kontextualisierungen. Das Verständnis von Zeitlichkeit formt aliter die Prioritäten. Aus dem Präpositionalfeld entnommen und in den Diskurs eingebracht, ließe sich eine chrononormative Determinismuskritik formulieren, welche ihre temporale Perspektive anhand der moralisch hinreichenden Bedingung zu Langfristigkeit und der logische notwendigen Bedingung zur Akkomodation kausaler Schleifen eingrenzt. Die Rekurrenz im erzählenden Erinnern stellt uns vor die Frage der Asynchronität, die mit ihrer Diskontinuität die empfundene Linearität der Zeit aufhebt und andere, als streng deterministische, Vorstellungen von Konsequenz evoziert. Gewissermaßen ein Unvollständigkeitssatz der Zeit.

Der zweifelnde Geist produziert zögerlich noch die Fragen, der überzeugte Geist präsentiert bereits zügig die Antworten.


Nachlese

Das Mitführen dieser Erinnerungen bis zum heutigen Tage dient der emotionalen Aufbereitung von Spannungen im Aktionsraum TransforMap, welche kollektiv wiederholt aufgeschoben wurde und daher in diesen individuellen Vorgängen mündete. Diese bediente sich der Langsamkeit und der Ausschweifung, um eine gründlich empfundene Verletzung der persönlichen Identitätssphäre auszudrücken. Der Text ist entstanden im Eindruck der Irrelevanz von Empfindlichkeiten im gemeinschaftlichen Miteinander und möchte schon gar nicht mehr etwas bewirken, nur darauf zeigen. Das Schreiben hilft die Gespenster der Vergangenheit auf einer Fläche ausgebreitet in geordneten Formen zu bändigen, um einem vielleicht ja doch, auch bei anderen Gelegenheiten, wiederholt auftretendem roten Faden die Möglichkeit des Entspinnens zu gewähren.

Es tut mir auch Leid, dass ich im Miteinander bisweilen Distanz zeigte, wenn wir doch gemeinsam voranschreiten wollten. Nur diese Nadel im Kopf, in der Lunge, dieses Stechen der Unmöglichkeit der empfundenen Kränkung, verblente mir, den Splittern von Kay und Gerda gleich, die Zulässigkeit von Handlungsmacht. Wenn ich vor einem Jahr noch nicht gebrochen war, dann bin ich es jetzt. Habe auch ich mich der Schuldigkeit sträflich gemacht, meine eigenen Belange vor die Gruppe gestellt zu haben, so geschah dies lediglich aus Selbstschutz.

Im Spektrum von zu überwindender Dualität zwischen Privatheit und Öffentlichkeit war ich immer ein Freund der Gastfreundschaft und des Willkommenheißens von jedweder Andersartigkeit. Hierbei erkenne ich jedoch, dass ich zu einem Bruch gezwungen werde, da sich noch mit dem gewaltfreiesten Widerstand keinem berserkernden Willen Einhalt gebieten ließe. Manchmal müssen wir aufsprechen, um Aufmerksamkeit zu generieren. Aber selbst wenn wir nicht gehört werden, soll uns keiner vorwerfen es nicht wenigstens versucht zu haben.

Neue oder übergangene Fragefelder:

  1. Wie integrieren sich Allmende und Individuum gegenseitig?
  2. Ablenkung und Scheitern als langfristig stabilisierende, entschleunigende Umwege. Experimente am wechselnden Kräftegefügen ausgesetzten lebenden Objekt.
  3. Vereine als scheinkollektivierende Rechtsform für Individualbestrebungen
  4. das B-Problem der Verantwortung im Spannungsfeld der Organisierten Netzwerke

Das Wissen um die Textlichkeit neuzeitlicher Protokolle lässt nur den Schluss zu, dass sich die Praxis der Aushandlung ebendieser lediglich im Schreiben finden lässt. Es obliegt unserer gemeinen Verantwortung den Verlauf der Geschichten zu erzählen und für die nachkommenden Generationen nachzuzeichnen. Das Dokumentieren und Archivieren als kultürliche Gestaltungskraft verstanden, erlaubt es den Zauber von Wahllosigkeit und Restoration zu durchbrechen.